Podium 01
HISTORIE
FREITAG 16.10.2015
20.00 – 22.00 UHR
KONGRESSHALLE der MÜNCHNER KAMMERSPIELE
Kaum eine Dienstleistungsbranche unterliegt einem größeren Wandel in ihrer Bewertung wie die politische Mobilitätshilfe von Menschen. Lediglich Perspektive und der zeitliche und gesellschaftliche Kontext entscheiden darüber ob von Menschenschmugglern oder von Fluchthelfern die Rede ist. Wir werden diesen Bedeutungswandel analysieren, bewerten und aufzeigen welche lange und weitreichende Tradition unsere Branche vorzuweisen hat.
REFERENT:
Dr. phil. Stefan Keller (Journalist, Zürich), geboren 1958, aufgewachsen in der Ostschweiz. Studium in Konstanz und Berlin, Promotion als Historiker in Basel. Seit 1988 Journalist und Autor in Zürich. Buchveröffentlichungen zum Thema Flucht und Fluchthilfe: «Grüningers Fall. Geschichten von Flucht und Hilfe» (Zürich 1993), «Die Rückkehr. Joseph Springs Geschichte» (Zürich 2003). Als Vizepräsident der Paul Grüninger Stiftung in St. Gallen massgeblich an der juristischen Rehabilitation von Fluchthelfern und Fluchthelferinnen während der Zeit des Nationalsozialismus beteiligt.
Der Fall Paul Grüninger: Paul Grüninger war ein Schweizer Lehrer, Fussballspieler und ab 1919 Polizeihauptmann in St. Gallen. In den Jahren 1938 und 1939 rettete er als leitender Grenzbeamter mehrere hundert jüdische und andere Flüchtlinge vor der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung. 1939 wurde er deswegen vom Dienst suspendiert und seine Ansprüche auf Pension aberkannt. Erst 1993, 23 Jahre nach seinem Tod wurde Grüninger durch die St. Galler Regierung politisch rehabilitiert.
REFERENT:
Stefan Buchen (Journalist und Buchautor), geb. 1969 in Gummersbach, arbeitet als Fernsehjournalist für das ARD-Magazin „Panorama“ in Hamburg. Mit der Migrations- und Flüchtlingspolitik hat er sich schon befasst, lange bevor das Thema in aller Munde war. Für seine Berichte und Reportagen wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 2014 veröffentlichte er das Buch: „Die neuen Staatsfeinde – wie die Helfer syrischer Kriegsflüchtlinge in Deutschland kriminalisiert werden“. Buchen studierte Arabistik in Germersheim und Tel Aviv. Neben Arabisch spricht er fließend Hebräisch, Persisch und Französisch. Als Reporter ist er regelmäßig in den Ländern des Mittleren Ostens und Nordafrikas unterwegs.
DDR Fluchthelfer: Stephan Buchen porträtiert in seinem Panorama Beitrag für die ARD zwei ehemalige DDR Fluchthelfer und vergleicht deren Tätigkeiten mit dem Fall eines in Essen wegen Fluchthilfe verurteilten Mannes aus Syrien. Die Übereinstimmungen und Parallelen und deren unterschiedliche Bewertung sind das Thema.
REFERENTIN:
Dr. Anne Klein
(lehrt und forscht an der Universität Köln, Köln)
Lisa und Hans Fittko: Widerstandskämpfer und Fluchthelfer im Zweiten Weltkrieg. Das Ehepaar Fittko verhalf im Auftrag der amerikanischen Fluchthilfeorganisation „Emergency Rescue Committee“ Hunderten von Menschen zur Flucht vor der deutschen Besatzung und dem Vichy Regime. Der Fluchtweg ging über einen Pfad über die Pyrenäen nach Spanien, der heute ihren Namen trägt. Sie verhalfen unter anderen auch dem Schriftsteller Walter Benjamin zur Flucht.
REFERENTIN: Maria Eitz (ehem. Fluchthelferin, San Francisco) Geboren während des 2. Weltkrieges und aufgewachsen während des Kalten Krieges, habe ich schon in jungen Jahren verstanden, welche Werte wirklich zählen: Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit, die Würde aller Menschen, Familie, Gemeinschaft und die gemeinsame Anstrengung für eine gute Zukunft.
Das, und meine Liebe für meine Kinder, haben mich dazu bewegt, mich einer kleinen Studentengruppe in Westberlin in den Jahren 1959-61 anzuschließen, die von amerikanischen und britischen Besetzungsmächten organisiert wurde, um Kinder und Eltern wieder zusammen zu führen, die durch den Eisernen Vorhang getrennt wurden. Nachdem Bau der Berliner Mauer und dem Tod einiger Freunde, bin ich in die Staaten ausgewandert, habe dort in den Jahren 1962-75 Psychologie und Theologie weiterstudiert, unterrichtete an der High School und entwickelte alternative Unterrichtsformen für Kinder aus den Ghettos in Milwaukee, New York, sowie Appalachia, Oakland und San Francisco. Während des Vietnam Kriegs (1968-75) half ich mit, Unterkunft, Essen und Medikamente für verletzte, verwaiste Kinder in Saigon zu finden. Vier Kinder habe ich in Vietnam adoptiert. Im April 1975 habe ich die Versorgung von über 2000 Kindern organisiert, die während des ‚Orphan Airlift‘ und der ‚Operation Baby Lift‘ von Saigon nach San Francisco gebracht wurden. 1975-2012 habe ich das erste amerikanische Programm zur mittelfristigen Pflege bedürftiger Menschen aufgebaut und geleitet. Wir Kinder unterschiedlicher Herkunft aufgenommen, haben Behörden und Organisationen zusammengebracht, die sich um die Versorgung von Kindern und Familien kümmern, Sozial- und Nothilfen etwa. 1979 haben wir die NGO ‘Medical Volunteers International’ aufgebaut und mit Geflohenen aus Kambodscha und Leos gearbeitet. 1980-84 haben wir im größten Flüchtlingscamp Bo’o in der somalischen Gegend Hiran ein Trainingsprogramm für Ärzte eingerichtet und 1984-92 habe ich mit Nomaden im Sudan gearbeitet. Ich habe vier erwachsene Kinder und neun Enkel. Ich lebe in San Francisco und teile mein Zuhause mit Studenten aus der ganzen Welt und oft auch mit meinen Enkeln. Mein Leben habe ich dem Engagement für soziale Gerechtigkeit verschrieben, vor allem für Frauen und junge Mädchen, geflohene und arme Menschen, ja all jenen Menschen, die zu wenig Gehör finden.
MODERATION:
Matthias Weinzierl

