Podium 04
KUNST & KAMPAGNEN

Sonntag 18.10.2015
14.00 – 16.00 UHR
KONGRESSHALLE der MÜNCHNER KAMMERSPIELE

Kaum eine der (wenigen) europäischen Wachstumsbranchen steht so im Rampenlicht wie der undokumentierte grenzüberschreitende Verkehr. Öffentliche Kampagnen und eine Vielfalt an kultureller Produktion begleiten seine rasante Entwicklung. Hinzu kommen neue, innovative und kreative Dienstleistungen und Technologien. Der Panel gibt einen Überblick und sucht das Fachgespräch mit wichtigen Akteuren und Impulsgeberinnen.

REFERENT:
Ricardo Dominguez (Aktionskünstler, San Diego/USA), geboren 1959, lebt und arbeitet in San Diego. Professor für bildende Kunst an der dortigen Universität von Kalifornien. Ricardo Dominguez ist Co-Gründer des “Electronic Disturbance Theater” EDT. (Weitere Mitglieder sind zur Zeit: Brett Stalbaum, Amy Sara Carroll, Elle Mehrmand, Micha Cárdenas). Das EDT sieht im Internet nicht nur ein Kommunikationsmedium, sondern auch das Potential für direkte digitale Aktion (Cyber Activism). Ihre Ideen beeinflussten im Deutschland der letzten Jahrhundertwende auch Anti-Abschiebungs-Kampagnen wie z.B. die “Deportation.Class” . Jüngste Arbeit von Ricardo Dominguez und dem EDT ist das “Transborder Immigrant Tool”, eine Smartphone-App das GPS-gestützte Werkzeuge zur Querung der Wüstengrenze zwischen Mexico und den USA bereitstellt. Neben lebensrettenden Funktionen beinhaltet es auch ein Poesie-Feature, das zum e-book erweitert werden kann. Mit dieser Herangehensweise will das EDT auch den Zuschreibungen funktionaler Beschränkung von Migration widersprechen, und mit ihren digitalen Aktionen den ganzen Menschen in den Blick nehmen.

REFERENTINNEN:
Lisa Groß und Lina Ewert (Watch the Med Alarm Phone, Berlin). Lisa Groß, geboren 1990 in Norditalien, lebt und arbeitet seit 2014 in Berlin, wo sie außerdem an der Freien Universität Soziologie studiert. Lina Ewert, geboren 1989, studiert und arbeitet am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie sind Teil einer Gruppe von Aktivist_innen und zivilen Akteur_Innen, die das Watch the Med Alarm Phone im Oktober 2014 ins Leben gerufen haben. Das Projekt leitet ein selbstorganisiertes Call-Center für Geflüchtete, die auf dem Mittelmeer in Seenot geraten. Genau wie ca. 100 andere Aktivist_Innen in Europa und Nordafrika, nehmen sie diese Notrufe zuhause an ihrem Schreibtisch entgegen, kommunizieren mit den zuständigen Küstenwachen und den Menschen in Seenot und dokumentieren den Fall in Echtzeit. Auf diese Weise wird – soweit wie möglich – auf die jeweiligen Verantwortlichen Druck ausgeübt. Kurzfristig zielt das Alarm Phone darauf ab, Rettungsaktionen zu initiieren, um Menschenleben zu retten und Menschenrechtsverletzungen zu verhindern. Langfristig setzt sich das Projekt für uneingeschränkte Bewegungsfreiheit und sichere, legale Wege nach Europa ein, um das Sterben auf dem Mittelmeer endlich zu beenden.

REFERENTIN:
Tanja Ostojić (politische Künstlerin, Berlin), geboren 1972 in Jugoslawien, lebt und arbeitet seit 2003 in Berlin. Sie studierte an der Universität der Künste Belgrad (M.A. 1998), an der École Regionale des Beaux-Arts Nantes (1998-99) und an der Graduiertenschule für die Künste und die Wissenschaften der UdK Berlin. Tanja Ostojic befasst sich in ihren Arbeiten, z.B. Performances und Videos, mit spezifischen Zuschreibungen an die Migration von Frauen. Ihr Werk orientiert sich an Kampagnenfähigkeit und unterstützt aktivistische Ansätze. So startete sie zwischen 2000 bis 2003 die Internetkampagne und offene Kunstaktion „Looking for a husband with EU-passport“. Sie heiratet einen Kölner Künstler von dem sie sich 2005 ebenfalls als Kunstaktion im Internet wieder scheiden ließ. Tanja Ostojic war Teilnehmerin der 1. Internationalen Schleusertagung in Graz 2003 im Forum Stadtpark. International bekannt wurde Tanja Ostojic mit ihrer Arbeit “After Courbet” (2005). Eine Persiflage auf Gustave Courbets “Der Ursprung der Welt”. Ostojic zeigte ihren Unterleib, jedoch bekleidet mit einer blauen Unterhose mit Europasternen. Die Republik Österreich verwendete dieses Motiv für ein Werbeplakat zur Übernahme ihrer EU-Ratspräsidentschaft 2006. In ihren jüngsten Arbeiten befasst sie die Künstlerin mit Abschiebungen. Auch hier zeichnet Tanja Ostojic die Perspektive her von weiblicher Migration. Ihr Video “Naked Life” würde Tanja Ostojic gerne im Rahmen der Schleusertagung zeigen.

REFERENT:
Ruben Neugebauer (Seawatch, Peng-collectiv, Berlin) geboren 1989, lebt als schwäbischer Arbeitsmigrant in Berlin. Er ist Gründungsmitglied des Vereins Sea-Watch, der ein Schiff zur Ersthilfe in Seenot geratener Flüchtlingsboote auf das zentrale Mittelmeer entsandt hat. Der alte Fischkutter, welcher zunächst von Freiwilligen in Hamburg-Harburg zum Rettungsschiff umgebaut wurde, konnte seit Einsatzbeginn im Juni mehr als 2000 Menschen aus Seenot retten. Die Sea-Watch ist dabei aber von
vornherein kein rein humanitäres Projekt gewesen. Die Initiative möchte neben dem Rettungseinsatz selbst, auch medial auf die Situation im Mittelmeer aufmerksam machen. Die kurzfristige Forderung nach außreichend Kapazitäten in der Seenotrettung, wird dabei immer eng zusammen gedacht, mit der grundsätzlichen Position, dass endlich legale Einreisewege für alle Flüchtenden geschaffen werden müssen. Schweigeminuten in Sonntagabendtalkshows, sowie original Flüchtlingsboote vor dem Reichstagsgebäude auf der Spree, gehören deshalb ebenso zum Arbeitsfeld der Sea-Watch. Im Moment ist der Verein
auf der Suche nach einem neuen Schiff, als solide Grundlage für Einsätze in der nächsten Saison.

Lou Huber-Eustachi, (Peng collective / fluchthelfer.in) geboren 1990, ist Teil des Peng Collectives und hat hier insbesondere die Fluchthilfe Kampagne mitentwickelt. Sonst lebt sie in Berlin und ist als freie Filmemacherin Teil des Jib-collectives, welches sich seit mehreren Jahren mit Migration in und nach Europa außeinandersetzt. Durch ihre journalistischen Tätigkeiten an den Hotspots der Festung Europa kam sie das erste mal in die Situation, selbst aktiv Fluchthilfe zu leisten. Daraus entstand die Idee zu einer Kampagne in diesem Bereich. Als die Gruppe die Aktion startete hätte sie nicht zu träumen gewagt, dass sich wenige Wochen später in verschiedenen Ländern des Schengenraums, ganze Konvois in Bewegung setzen würden und ein Polizeipräsident für die
Straffreiheit von Fluchthelfer.innen plädieren würde. Es ist ihr wichtig, dass sich die Kampagne nicht als Kunstaktion versteht, der
Aufruf zum Schleppen&Schleusen ist ernst gemeint. Ihr Lieblingsmoment in der Fluchthilfekampagne war, als sie vor kurzem einen älteren Herrn an der serbisch-ungarischen Grenze traf, der ihr völlig selbstverständlich erklärte, er sei zum shutteln dort und anschliessend ein Tramper Schild vorzeigen konnte, das ihm im Falle einer Kontrolle als Ausrede dienen wüde, genau so, wie es in den Tipps&Tricks auf der Kampagnenseite www.fluchthelfer.in beschrieben ist.

MODERATION:
Ralf Homann